Schade um das Lied. Für viele Menschen war „Herz von St. Pauli“ weit mehr als nur ein musikalischer Programmpunkt im Stadion — es war Teil einer gewachsenen Tradition, ein Stück Atmosphäre, Erinnerung und Identifikation. Gerade deshalb wirkt es befremdlich, wenn solche Dinge heute plötzlich zur Disposition stehen, weil einzelne Begriffe im Nachhinein als problematisch markiert werden.
Mich stört dabei vor allem dieses mittlerweile allgegenwärtige Vokabular des „Problematischen“. Kaum taucht irgendwo ein möglicher Anstoßpunkt auf, setzt sofort ein Reflex ein: Distanzieren, streichen, absichern, bevor überhaupt offen diskutiert wird, was tatsächlich gemeint ist, wie etwas historisch einzuordnen ist oder welche Bedeutung es für viele Menschen hat. Der Eindruck entsteht immer häufiger, dass Entscheidungen nicht aus innerer Überzeugung getroffen werden, sondern aus Angst davor, selbst Ziel öffentlicher Kritik zu werden.
Genau darin zeigt sich ein größeres gesellschaftliches Problem: Viele Institutionen handeln inzwischen so, als sei die Vermeidung von Konflikt wichtiger als Haltung. Lieber passt man sich vorsorglich an, bevor jemand Anstoß nehmen könnte. Das fördert eine Kultur des Mitlaufens, in der Verantwortung oft durch vorauseilende Anpassung ersetzt wird.
Und dieser Mechanismus reicht längst weit über Kultur oder Sport hinaus bis in die Politik hinein. Auch dort entsteht zunehmend der Eindruck, dass nicht Charakterstärke oder Standfestigkeit belohnt werden, sondern Anpassungsfähigkeit, Formulierungsroutine und das Talent, möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Parlamentarische Demokratie sollte eigentlich vom Wettbewerb der besten Argumente leben — in der Praxis wirkt sie jedoch oft wie ein System negativer Auswahl: Wer aneckt, riskiert Ausschluss; wer sich geschickt einfügt, steigt auf.
Man könnte provokant sagen: Nicht selten setzt sich weniger der Überzeugendste durch als der taktisch Geschickteste. Das Ergebnis ist eine politische Kultur, in der viele Menschen den Eindruck gewinnen, dass echte Staatsmänner und Persönlichkeiten seltener geworden sind, während austauschbare Funktionsträger dominieren. Figuren wie Helmut Schmidt werden deshalb bis heute erinnert — nicht weil sie fehlerlos waren, sondern weil sie Haltung verkörperten, Klarheit ausstrahlten und auch gegen Widerstände standen.
Wenn selbst bei einem Stadionlied sofort der sicherste Weg gewählt wird, statt offen auszuhalten, dass Traditionen ambivalent sein können, dann spiegelt das einen allgemeinen gesellschaftlichen Trend wider: die wachsende Scheu vor Reibung, vor Widerspruch und vor echter Debatte.
Natürlich darf man Traditionen hinterfragen. Aber wenn jede historische Kante geglättet werden soll, bleibt am Ende oft etwas Beliebiges zurück — konfliktfrei vielleicht, aber auch ärmer an Charakter.





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